Evangelisch
Viele Landeskirchen, Staatskirchen und Freikirchen, kirchenübergreifende Verbindungen und kleine Christengemeinden nennen sich evangelisch, manche dazu noch lutherisch, reformiert, uniert. Das Nachdenken über die Bibel und deren Deutung, über die Kirche und deren Traditionen bewegte die damaligen Reformatoren zu neuen, verschiedenen Ansichten. Nach Zeiten des Streites und von Verwerfungen machen heute ökumenische Aussöhnungen wieder gemeinsame Gottesdienst- und Abendmahlsfeiern möglich.
Lutherisch und reformiert: die evangelischen Konfessionen
Dem Evangelium gemäß
Das Wort »evangelisch« beschreibt im weitesten Sinn all das, was sich auf das Evangelium von Jesus Christus bezieht. Schon vor der Reformation wird es verwendet, um einen kirchenkritischen Lebensstil zu benennen. Mit der Reformation bezeichnet »evangelisch« neben »protestantisch« oder »lutherisch« eine Lehre, die sich im Gegenüber zur Lehre der Kirche vornehmlich auf die biblischen Evangelien bezieht. »Evangelisch« wird damit zur Selbstbezeichnung der reformatorischen Bewegung und später zur Bezeichnung der reformatorischen Kirchen, wie z. B. die lutherische oder die reformierte Kirche. Bis heute wird »evangelisch« auch für Bekenntistexte und Glaubenszeugnisse verwendet, die auf den Lehren der Reformatoren gründen.
Clavin und Zwingli
Martin Luther wollte im Jahr 1517 mit seinen 95 Thesen die Kirche reformieren. Zugleich trat er eine theologische und institutionelle Kirchenkritik los, die weite Kreise des Volkes, die Politik und das Papsttum selbst erfasste. Weitere Priester, Kirchenlehrer, Theologen und Ordensleute schlossen sich seinem Protest an. Einige von ihnen, etwa der Genfer Pfarrer Johannes Calvin und der Pfarrer Hyldrych Zwingli aus Zürich, versammelten Anhänger hinter sich und erhielten politische Unterstützung.
Auf Calvin und Zwingli geht die evangelisch-reformierte Kirche, vor allem in der Schweiz und in Oberdeutschland, zurück. Reformierten Christen und Christinnen ist der Glaube an eine Vorhersehung (an einen für jeden Christen und für jede Christin vorgezeichneten persönlichen Weg von der Geburt bis zum Tod), ein zeichenhaftes Verständnis des Abendmahls und die Leitung der Kirchengemeinden durch Älteste wichtig. Akademiegründungen beweisen ihr Interesse an wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung. Kirchliche Traditionen prüfen sie an der Bibel und schaffen sie auch ab. Sie reduzieren den Kirchenschmuck und konzentrieren den Gottesdienst auf die Verkündigung des Wortes Gottes. Zwinglis Gottesdienste verzichteten ganz auf die Kirchenmusik, in Genf wurde nur aus den Psalmen gesungen.
Zwei Konfessionen
Zunächst versuchten Luther, Calvin und Zwingli zwischen ihren unterschiedlichen Lehren Einigkeit herzustellen. Als trotz jahrelanger Debatten ihre Vermittlungsbemühungen scheiterten, gingen sie und ihre Anhängerinnen und Anhänger seit 1529 getrennte Wege. Es kam zu unterschiedlichen Konfessionen, d.h. zur unterschiedlichen Ausprägung von Glaubensüberzeugungen in Frömmigkeit, Gottesdienst, Lehramt, Kultur, Kirchenstruktur und Leitung. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden neben der römisch-katholischen Kirche die lutherische und die reformierte Kirche. Heute sind beide protestantischen Kirchen auch weltweit organisiert: die evangelisch-lutherische Kirche im Lutherischen Weltbund und die evangelisch-reformierte Kirche in der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen.
Weitere Evangelische Kirchen
Unierte Kirche
Die protestantische unierte Kirche ist ein Zusammenschluss von zwei Landeskirchen, die zuvor konfessionell getrennt waren in lutherisch und in reformiert. Das Zusammengehen gründete zum einen auf der bewussten Annäherung reformierter und lutherischer Theologen, die konfessionelle Verschiedenheiten als miteinander versöhnbar betrachteten, zum anderen im Auftrag des Landesherrn (z. B. preußischer König) und erstreckte sich auf die Kirchenstruktur, das Bekenntnis, die Lehre und das Amtsverständnis. Die erste protestantische Union wurde 300 Jahre nach Luthers Wittenberger Thesenanschlag in Nassau vollzogen: 1817.
Evangelisch ist nicht evangelikal
Die evangelikale Bewegung ist eine christliche Erneuerungsbewegung, die die persönliche Bekehrung eines Christen und einer Christin, die wortwörtliche Bibelauslegung, die Heilsgewissheit durch Jesu Kreuzestod und den Drang zur Mission betont. Manche Kirchen wurden im 19. Jh. innerkirchlich stark von dieser Bewegung geprägt. Sie schlossen sich zur Evangelischen Allianz zusammen. In deutschen Landeskirchen bilden die evangelikalen Mitglieder zum Teil eigenständige Gemeinschaften.
Evangelische Freikirchen
Schon im 16. Jh. bildete sich im Gegenüber zu den Lehren und Strukturen der protestantischen Kirchen die Täuferbewegung heraus. Ihre Identität ist, sich von der vorfindlichen Welt und von Kirchen, die diese weltlichen Strukturen abbilden, abzuwenden. Eine weitere große Bewegung sind die Methodisten, die in der 2. Hälfte des 18. Jh.s die persönliche Bekehrungserfahrung und Heiligung in den Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit stellten. Weitere große Gemeinschaften von Angehörigen der Pfingstbewegung, Baptisten und Mitgliedern anderer evangelikaler Gruppierungen entstanden Ende des 19. Jh.s und Anfang des 20. Jh.s. In Deutschland entstanden einerseits Freikirchen wie die Selbständige Ev.-Luth. Kirche als Reaktion auf staatliche Eingriffe in die Autonomie der Kirchen, andererseits als Erweckungsbewegung, die ihre Wurzeln bereits in der Reformationszeit hat. Diese schlossen sich 1926 zur Vereinigung Evangelischer Freikirchen in Deutschland zusammen. Hierzu gehören als Gäste auch die Evangelisch-methodistische Kirche und die Brüderunität (Herrnhuter Brüdergemeine).
Glieder der Herrnhuter Brüdergemeine können auch Glieder der Ev.-Lutherischen Landeskirche Sachsens sein.
Mit der Evangelisch-methodistischen Kirche besteht Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft.
Konfessionen als berechtigte Vielfalt
Im Laufe ihrer Geschichte haben die evangelischen Konfessionen sich als Teil einer berechtigten Vielfalt begriffen. Sie respektieren die Überzeugungen der anderen und suchen – ähnlich wie bei der ökumenischen Verständigung mit der römisch-katholischen Kirche – den Kontakt über das Verbindende.
Ein großer Schritt auf diesem Weg war 1973 die Unterzeichnung der »Leuenberger Konkordie« durch die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Darin erkennen die Konfessionen gegenseitig ihre Gottesdienstpraxis an, was es u.a. ermöglicht, gemeinsam Abendmahl zu feiern.
Des Weiteren sind die lutherische, reformierte und unierte Kirche in Dialog und Zusammenarbeit verbunden.